Foto: Thilo Schmülgen

Flittard. Dorf zwischen zwei Städten.

In dieser Rubrik betrachten wir das Leben und Wohnen in Köln. Wir haben uns für unser aktuelles Veedelsporträt vom nordöstlichen Stadtteil Kölns inspirieren lassen.

Bayer-Siedlung, Chempark, Golfclub, Japanischer Garten: Im nordöstlichen Stadtteil Kölns steckt ganz schön viel Leverkusen. Doch wenn Flittarder von der „Stadt“ sprechen, ist klar, welche sie meinen. 

Die Fassade blitzt so weiß wie frisch gefallener Schnee. Drinnen stehen noch die Stühle auf den Tischen. In wenigen Tagen soll alles fertig sein. Der „Flittarder Hof“ steht kurz vor der Wiedereröffnung. „Die Dorfgemeinschaft freut sich riesig, dass dieser Treffpunkt wieder aufmacht“, sagt Cornelia Schnelle, ein echtes Flittarder Mädche, stellvertretend für die rund 8.000 Einwohner des Veedels.  

„Flittarder Hof“

Kölsch und Bier vom Fass seit 1904

Serdar Gedik, der neue Wirt, tritt in große Fußstapfen. „Die Familie Zimmer hat den Hof über drei Generationen hinweg betrieben, schon seit 1904 ist das hier eine Gastronomie“, sagt er ehrfurchtsvoll und blickt sich im altehrwürdigen Festsaal um, in dem schon Konrad Adenauer die Eingemeindung Flittards im Jahr 1914 ausgeknobelt haben könnte. Die dunkle Holzvertäfelung und die gelblichen Bleiglasscheiben verströmen den Charme vergangener Jahrhunderte, aber auch reichlich Kultpotenzial. Wie viele rauschende Feste und jecke Sitzungen mögen hier schon gefeiert worden sein? 

Wenn’s nach Gedik geht, dürfen gern noch ein paar hinzukommen. Mit frischen Ideen will er den „Flittarder Hof“ fit für die Gegenwart machen. 13 lange Monate gab es kein Gasthaus im Stadtteil. Seit Anfang Juni stehen deutsch-italienische Speisen sowie Kölsch, Pils und tschechisches Bier vom Fass auf der Karte. „Das ist mein erster Versuch mit richtiger Küche“, räumt Gedik freimütig ein, aber er macht keinen Hehl daraus, dass er sich die Aufgabe zutraut. Schließlich betreibt er schon seit 2017 die Kölsch-Kneipe „Bes de jeck“ in Köln-Porz. „Ich habe Erfahrung – und einen tollen Koch.“ 

Foto: Thilo Schmülgen
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Cornelia Schnelle

„Das Leben in Flittard ist einfach toll.“

Vielleicht kauft der Kappes und Äädäppele ja demnächst bei Cornelia Schnelle, die eingangs bereits zu Wort kam. Ihr Hofladen „Appel & Ei“ liegt nur ein paar Schritte entfernt und geht ebenfalls noch als Neueröffnung durch. Zwar versucht sich Schnelle schon seit rund 15 Jahren als Anbieterin regionaler und saisonaler Lebensmittel – mit vielen kleinen, aber regelmäßigen Verkaufsaktionen wie einer „Erdbeergruppe“, einer „Eiertour“, einem Hofverkauf und einem Marktstand. Aber erst seit Mitte März 2024 hat sie die feste Adresse in der Evergerstraße.

Die Flittarder finden hier neben üblichen Angeboten von Äpfeln bis Zwiebeln auch heutzutage exotisch anmutende, aber in unseren Breitengraden heimische Gewächse wie Rübstiel, Mairübchen oder die Bergische Hauszwetschge. Alles stammt von hiesigen Erzeugern, einiges sogar von Schnelles eigenem Feld in Leichlingen. 

Es ist 15 Uhr, Ende der Mittagspause. Kaum hat Schnelle den Schlüssel in der Ladentür umgedreht, stehen schon die ersten Kundinnen und Kunden im Verkaufsraum. Man kennt sich, man erkundigt sich nach dem Befinden, man hält ein Schwätzchen und packt spontan noch eine Schale frische Erdbeeren ein, die man gar nicht auf dem Einkaufszettel hatte. „Der Laden wird gut angenommen bisher“, bilanziert Schnelle zufrieden und freut sich auf die Zukunft. „So kann’s weitergehen.“ 

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Das Leben in Flittard findet Schnelle „einfach toll“: „Ich fahre zwar gern mal rein nach Köln, aber in der Stadt zu wohnen? Das könnte ich mir im Leben nicht vorstellen!“ Natürlich gebe es auch in ihrem „wirklich hübschen Dörfchen“ Baustellen, demnächst etwa die Wohnsiedlung auf dem Areal des abgerissenen Hochbunkers. „Aber das muss sein“, sagt Schnelle. „Wir brauchen mehr Wohnraum, nicht nur irgendwo, sondern auch hier bei uns.“ 

Neuankömmlinge begrüßt sie mit offenen Armen. „Ich bin im Musikcorps aktiv und in der Kirchengemeinde. Wir versuchen immer, mit neu zugezogenen Familien Kontakt aufzunehmen.“ 

Die „Traktorfreunde Flittard“ machen das Veedel unsicher

Apropos Familie: Einkauf, Ackern, soziales Engagement – Schnelle wuppt all das als alleinerziehende Mutter. Zum Glück packen ihre Eltern mit an. Papa Stefan aber hat manchmal eigene Pläne. Er pflegt eine Leidenschaft, die sich wahrlich nicht in jedem Kölner Stadtteil ausleben ließe: Trecker fahren.  

Stefan Schnelle ist Mitglied der „Traktorfreunde Flittard“. Diesmal haben sich die „Jungs“ – die meisten davon schon im Rentenalter – bei Andreas Köhler verabredet. Der ehemalige Kölner Stadtrat betreibt an der Egonstraße Richtung Stammheim ein Transportunternehmen. Genügend Platz für einen stattlichen Grill und eine überdachte Terrasse, auf der sich gut klönen lässt. 

Außerdem hat er hier am Rand der Rheinauen rund 3.000 Quadratmeter Wiese zu mähen. Eine Aufgabe, die er am liebsten auf seinem historischen Grashüpfer der Marke „Deutz“ mit der kölschen Motorisierung von elf PS absitzt. Seit 2017 unternehmen die Kumpels auf ihren rüstigen Oldtimern regelmäßig Ausflüge ins Umland, machen sich gegenseitig die alten Maschinen startklar und haben sogar einem Rocksong eingespielt: „Hubys Trecker Gang“. 

„Die Corona-Zeit hat richtig Schwung in die Sache gebracht“, erzählt Hubert „Huby“ Hellendahl. „An Weihnachten und Ostern sind wir die Seniorenheime angefahren und haben die alten Leute auf unsere Traktoren gesetzt. Auch die Kinder kamen angelaufen, wenn wir durch die Straßen geknattert sind. Dadurch sind wir ziemlich bekannt geworden.“ 

Gegenwärtig planen die Freunde die zweite Ausgabe des „Flittarder Traktortreffens“. Am 28. September 2024 rattern auf dem Schützenplatz Freunde der lautstarken Entschleunigung aus der ganzen Region zusammen: „Tschitti tschitti bäng, tschitti tschitti bäng bäng!“ 

Links: 

www.koeln-flittard.de

www.traktorfreunde-flittard.de

Link zum Song: 

youtu.be/_jyA8DD0qKU;

Text: Jörg Fleischer